Neulich in Polen: Ich sitze am Rechner eines Hostelempfangs, weil ich denke, ich muss um 2 Uhr morgens nach meinem Ausflug ins nächtliche Leben noch unbedingt e-mails abrufen, man weiß ja nie. Da passiert es, ich gehe auf die Seite meines e-mail-accounts, klicke auf die vorgesehene Spalte für den Nutzernamen, gebe ihn ein, klicke auf den Bereich für das Passwort, gebe es ein, Entertaste und fertig. Und was passiert? Nichts. Die Seite lädt und erscheint nach kurzer Zeit wieder im Ausgangsbild. Ich starte einen neuen Versuch, passiert ja hin und wieder, dass man versehentlich einen falschen Buchstaben eingibt. Der Nutzername ist bereits gespeichert und erscheint daher schon komplett sobald ich den Anfangsbuchstaben schreibe, ich überprüfe es, alles richtig, also kann’s ja nur am Passwort liegen. Sorgfältig tippe ich Buchstaben für Buchstaben, um ganz auf Nummer Sicher zu gehen. Ganz korrekt lasse ich nun den Mauspfeil über den Button einloggen positionieren, klick, wieder setzt sich die Seite in Bewegung, ich warte gespannt, Sekunden vergehen, da, schon wieder, anstatt meiner e-mails nur die unbefleckte Seite von google-mail, so als hätte ich niemals einen Versuch unternommen, mich einzuloggen. Noch bin ich ruhig, versuche es wieder. Doch keine Chance, diese Wand auf meinem Bildschirm ignoriert mich einfach, mittlerweile ergreift mich leichte Panik, gehetzt tippe ich nun auch den Nutzernamen neu, dann wieder das Passwort, aber es ist immer das gleiche: Klick, warten, Hoffnung… Nichts. „Arrr!“, ich werde wütend, will schimpfen, will schreien, aber die Rezeptionistin wäre dadurch sicherlich etwas irritiert, also lasse ich es, reiße mich zusammen und probiere es etwa 120 mal aufs Neue. Leider ohne Erfolg, ich bin nun nicht mehr wütend, sondern verzweifelt, was tun? Ich bin mir ganz sicher, dass mein eingegebenes Passwort das Richtige ist, am Morgen, Mittag, Nachmittag und frühen Abend hatte es ja auch noch funktioniert, also weiß ich mir nicht zu helfen. Probiere es jetzt mit der angebotenen Hilfe von google-mail, die mich fragt „Passwort vergessen?“ „Nein!“, denke ich, aber was soll’s, letzte Hoffnung. Während ich über meinen Alkoholpegel als mögliche Misserfolgsursache nachdenke, diesen Gedanken aber gleich verwerfe, da ich nicht viel getrunken habe, fällt mir plötzlich ein: „Oh Gott, während ich zuvor meine e-mails gecheckt habe, stand eine ganze Gruppe Touris hinter mir in diesem engen Rezeptionsaal, da wird doch nicht einer…“ Ich wage den Gedanken gar nicht zu Ende zu denken, die Idee, dass jemand mein Passwort geklaut, es geändert hat und nun in meinem Namen möglicherweise e-mails liest, schreibt, nein, diesen Gedanken ertrage ich nicht. Es ist, als stünde man vor seiner eigenen Haustür und komme nicht rein, obwohl man den passenden Schlüssel hat, obwohl man sich sicher ist, dass man genau hier und nicht woanders wohnt. Es ist schrecklich, in meinem Kopf drehen sich die Gedanken im Kreis, was tun, was tun? Verzweifelt suche ich nach einer SOS-Hotline auf dieser verflixten google-mail Seite, die nichts Preis geben möchte außer der Option sich einzuloggen, nichts zu sehen von einer Seelsorgetelefonnummer, mir bleibt nichts anderes übrig, als mich dem virtuellen Frage-Antwort-Spiel der angebotenen google-Hilfe auszuliefern. Die klingt in etwas so:
„Haben Sie ihr Passwort vergessen?“
„Nein.“
„Haben Sie ihr Passwort nicht vergessen und können trotzdem nicht rein?“
„Genau.“
„Tut sich etwas, nachdem Sie unsere Anweisungen befolgt haben?“
„Leider nicht.“
„Haben Sie eine alternative e-mail Adresse?“
„Jep.“
„Dann schicken wir Ihnen die Anweisungen, die Sie befolgen müssen, um wieder an Ihr Passwort zu kommen, an diese Adresse.“
Schluck, „hab ich überhaupt noch den Zugang zu meiner alten e-mail? Anweisungen befolgen? Ah, ich will nur rein!“
Die alten Zugangsdaten meines letzten e-mail-accounts habe ich zum Glück noch aus dem Gedächtnis gefischt, kann mich einloggen. Das tut gut, wenigstens ein Erfolgserlebnis, dann allerdings gleich die nächste Enttäuschung: keine e-mail mit Anweisungen von google-mail. Ich will heulen. Wage einen Blick zurück auf meinen virtuellen Helfer, der mir schreibt: „Wenn innerhalb der nächsten 18 Stunden keine e-mail eingetroffen ist, melden Sie sich wieder hier.“ 18 Stunden, eine Ewigkeit, wie soll ich ruhig schlafen können, spinnen die? Da mir aber nichts anderes übrig bleibt und die Hostel-Rezeptionistin auch keinen Rat weiß, gehe ich niedergeschlagen auf mein Zimmer.
Dort erzählt mir meine Bettnachbarin, dass das polnische Netz manchmal Probleme mache. Ein kleiner Stein fällt mir vom Herzen, das polnische Netz, „ja, ja, denke ich, das wird’s sein“. Schließlich hatte ich keine Fehlermeldung bezüglich des Passworts, sondern einfach überhaupt keine Reaktion.
Es gelang mir einzuschlafen und am nächsten Tag funktionierte zu meiner übergroßen Freude und Beruhigung tatsächlich alles wie gewohnt. Was für eine Wiedersehensfreude! Das polnische Netz also, es hatte mir einen riesigen Schrecken eingejagt und mich denken lassen, jemand säße nun an meiner Stelle an meinen e-mails. Klar, andere Leute haben ja auch sonst keine Interessen, wenn sie im Urlaub sind und meine e-mails sind ja auch so ungeheuer wichtig.
Wie wichtig sie für mich sind, habe ich an diesem Abend bzw. Morgen jedenfalls gemerkt. Ich fühlte mich ausgesperrt und hintergangen, aus dem eigenen Leben verbannt, der Identität beraubt. So ein e-mail account hat heutzutage schon eine beachtliche Bedeutung: 5 mal am Tag wird er von vielen abgerufen, nicht mehr wie mit der guten alten Post, die ein oder höchstens zweimal täglich eintraf und wo man sich dann auch über einen Brief oder eine Postkarte freute wie ein Kind über Weihnachten. Dabei erreichen einen mittlerweile so viele unnötigen e-mails, auch genannt spam oder man bekommt Informationsfluten aus zahlreichen Verteilern. Hat man einen Tag keine e-mails abgerufen, ist der Berg an zu bereitstehender Post fast gar nicht mehr zu bewältigen und man hat Angst, etwas wichtiges zu übersehen, daher wird doch lieber mehrmals am Tag nachgeschaut, ob etwas angekommen ist. Außerdem gibt es einem das Gefühl – besonders morgens – schon etwas gearbeitet, eine Erledigung weniger zu haben, immerhin hat man danach eine ganze Menge Müll beseitigt, ist fast wie Hausputz. Dazu kommt natürlich der Effekt der Vorfreude und Freude, falls dann tatsächlich mal neben dem Spam-Berg auch ein persönlicher Brief respektive e-mail dabei ist. In ganz schweren Zeiten der Einsamkeit helfen auch die unwichtigen e-mails und sogar automatische Erinnerungen, die –vorausgesetzt man ist bereit, sich auf den Selbstbetrug einzulassen– suggerieren: „Jemand denkt an mich.“
Befindet man allerdings gerade an einem Ort, an dem es nicht möglich ist, im Stundentakt das Internet zu besuchen – soll ja vorkommen – stelle ich beruhigt fest, dass es sich ziemlich gut anfühlt, mal einen oder vielleicht sogar zwei ganze Tage keinen Zugang zu seinen e-mails zu haben, die Sorge, eine wichtige Nachricht zu verpassen, nimmt mit der Zeit kontinuierlich ab, man denkt nicht mehr ständig an seinen Posteingang, sondern beschäftigt sich mit den Dingen um einen herum, schöne Landschaften oder neue Menschen, und es ist fast so wie in den guten alten Zeiten, als man auch erstaunlicherweise auch ohne Internet und elektronische Post gut leben konnte.