Mittwoch, 25. November 2009

Blutige Zeiten

Der Hinweg war erniedrigend, mit gesenktem Kopf schlich sich Luis an den gut gekleideten Medizinstudenten vorbei. Menschen, die die Prozedur bereits hinter sich hatten, kamen ihm entgegen. Das Ziel hieß „ Amrun Stadt-Klinikum“, der Zweck „Blutspende“.
Einmal angekommen schwankte das Ambiente gleich um, im vollgedrängten Wartesaal der Blutentnahmestation herrschte Gemeinschaftsstimmung, eine Art Blutsbrüderschaft könnte man sagen. Denn jeder hier wusste, weshalb der andere da war, nicht etwa aus mitmenschlicher Nächstenliebe, wahrscheinlich auch nicht aus spirituellem oder homöopathischem Glauben, nein, schlicht und einfach wegen der 20 Euro, die man beim sogenannten Spenden als Aufwandsentschädigung für das tatsächliche Tauschgeschäft, Blut gegen Geld, bekam.
Die Dame am Empfang registrierte mit geprüftem Blick die Richtigkeit eines jeden Bogens, den alle gewillten Spender ausfüllen mussten. Ohne die Arbeit zu unterbrechen, und ohne den neuen Besucher anzuschauen, versah sie den wahrscheinlich 181.000sten Bogen sorgfältig mit einem Aufkleber und legte ihn dann zusammen mit dem Personalausweis des 181.000sten Spenders in eine Hülle. Erst dann schaute sie auf. „Ja, bitte?“
„Blutspenden“, entgegnete Luis.
„Sind Sie Erstspender?“ Wie oft hatte sie diesen Satz wohl schon gesagt? Auf die Antwort „Nein“ erhielt Luis die Anweisung, einen gelben Bogen auszufüllen, auf dem er wahrheitsgemäß darüber Auskunft geben sollte, ob er in den letzten vier Wochen Heroin genommen hatte, an Schnupfen erkrankt oder der Prostitution nachgegangen war und vieles mehr. Er schaute sich um. Ganz bestimmt hatte noch keiner der wartenden Leute jemals Drogen probiert und ganz sicherlich gaben sie dies auch alle wahrheitsgemäß an. Nach Rückgabe des Bogens stand Luis nun seelisch nackt vor der Schwester und bekam einen blauen Zettel, die Wartemarke, darauf stand 834. „Ich bin also der 834ste Spender für heute“, dachte Luis. Nicht, dass ihn diese unpersönlich große Zahl gestört hätte, schon eher die Tatsache, dass vor ihm noch 34 andere Menschen ihr Blut abgeben wollten. Das bedeutete warten.
Während er saß, überlegte Luis, was wohl passieren würde, wenn man tatsächlich angab, in seinem Leben schon einmal Drogen genommen oder auch nur in den letzten vier Wochen eine Aspirin geschluckt zu haben. Da er die 20 Euro wirklich wollte, unternahm er den Versuch es rauszufinden nicht. „Jetzt nur noch die kurze Untersuchung beim Arzt bestehen, bei der man in den Finger gestochen wird und man dabei völlig relaxt reinschauen muss“, dachte Luis. Und: „Bloß nicht niesen!“ Es war Frühling, Pollenzeit, Luis hatte wie viele Menschen zu dieser Zeit unangenehmsten Heuschnupfen, seinem abgegebenen Bogen zufolge jedoch nicht. Zum Glück hatte er gegen einen Nies- oder Tränenausbruch mittels Heuschnupfenapotheke vorgesorgt. Ob die Heuschnupfenapotheke wohl im Bogen angegeben werden sollte? Hm, ein leichtes Schuldgefühl überkam ihn, dann aber folgte die Selbstberuhigung, „ist ja alles natürlich.“ Aber gleich danach spürte er ein Kribbeln in der Nase, „nein, nicht niesen, nicht niesen“, flehte Luis zu sich selbst. Es beruhigte sich zum Glück wieder. Vom kostenlosen, scheußlich-schmeckendem Gratis-Kaffee, der Spendern zur Verfügung stand, hatte er schon zwei runtergekippt, „noch einer und mein Blut ist wirklich unbrauchbar“, grummelte Luis.
Fast eine Wartestunde war vorbei, „so“, dachte Luis, „jetzt muss ich mich entscheiden zwischen Gehen, kein Blut spenden und keine 20 Euro bekommen oder mein Marathon-Training verpassen“. Luis entschied sich für Marathon-Training-Verpassen. Aber die Uhr und der Besucheranzeiger sagten nichts Gutes: Schon 1 Stunde Wartezeit und noch immerhin 14 Personen vor ihm. „Wow, das wird lange“, überlegte Luis, „um 20 Euro reicher und einen ¾ Liter Blut ärmer zu werden, vielleicht doch Marathon-Training?“ Er fragte die Empfangsschwester, ob er überhaupt noch dran käme, da die Öffnungszeit bald vorbei sein würde. Sie antwortete ihm erstaunlich freundlich, dass alle, die sich angemeldet hatten, drankommen müssen, auch wenn die Mitarbeiter schon Schluss hätten. Oh, schlechtes Gewissen und Diskussionen um Arbeiterschutz kreisten in Luis‘ Kopf. Da passierte es, „oh nein, schon wieder niesen, hatschii!“. Er schaute sich um, niemand guckte, keinen interessierte es. Die einen tauschten intime Gespräche aus, anderen lasen. Luis wollte wirklich gerne gehen, aber er hatte schon so lange gewartet. „Mit dieser Denkweise wartet man natürlich immer noch ein bisschen länger und noch etwas länger, in der Hoffnung, dass sich gleich was tue, und geht erst dann, wenn man es gar nicht mehr aushält“, dachte sich Luis, „aber dann hat man die ganze Zeit umsonst gewartet. Vielleicht noch einen Kaffee? Lieber Kamillentee.“ Resigniert nahm er seinen Tee, setzte sich wieder und wartete.

Freitag, 20. November 2009

Individuen

Wie soll man der Meinung anderer Menschen trauen? Manche erzählen, erklären, argumentieren so überzeugend, dass man ihnen ohne zu überlegen glaubt. Aber wenn man den Sachverhalt selbst zu Gesicht bekommt, sieht man ihn ganz anders als zuvor gehört und ist enttäuscht oder auch erleichert, zumindest aber verwundert darüber, dass es sich (aus eigener Perspektive) ganz anders zugetragen hat.

Gleichzeitig passiert es, dass man die eigene Meinung einfach nicht so rüberbringen kann, wie man gerne würde. Es sind meistens bestimmte Gesprächspartner bei denen dies misslingt. Während man spricht verändert sich ganz automatisch die Tonlage, vielleicht auch die Mimik, und zwar gerade dann, wenn man dabei ist, seine wichtigsten Argumente vorzutragen, um den Gegenüber vom eigenen Standpunkt zu überzeugen. Da hilft nichts, weil man schon während des Redens weiß oder denkt, dass der andere es anders auffassen wird, tritt auch genau dies ein.

Mittwoch, 18. November 2009

Beziehungen

Etwas sagen wollen, aber es dann doch nicht tun, weil man schon weiß, wie der andere darauf reagieren wird und die Auseinandersetzung mit der Erwiderung zu mühselig wäre.

Liebeskummer

Sehnsucht nach der bestimmten Charaktereigenschaft eines Menschen, der sich geändert hat oder dessen neue, für uns bisher unbekannten Züge, die alten geliebten überdecken.