Mittwoch, 25. November 2009
Blutige Zeiten
Einmal angekommen schwankte das Ambiente gleich um, im vollgedrängten Wartesaal der Blutentnahmestation herrschte Gemeinschaftsstimmung, eine Art Blutsbrüderschaft könnte man sagen. Denn jeder hier wusste, weshalb der andere da war, nicht etwa aus mitmenschlicher Nächstenliebe, wahrscheinlich auch nicht aus spirituellem oder homöopathischem Glauben, nein, schlicht und einfach wegen der 20 Euro, die man beim sogenannten Spenden als Aufwandsentschädigung für das tatsächliche Tauschgeschäft, Blut gegen Geld, bekam.
Die Dame am Empfang registrierte mit geprüftem Blick die Richtigkeit eines jeden Bogens, den alle gewillten Spender ausfüllen mussten. Ohne die Arbeit zu unterbrechen, und ohne den neuen Besucher anzuschauen, versah sie den wahrscheinlich 181.000sten Bogen sorgfältig mit einem Aufkleber und legte ihn dann zusammen mit dem Personalausweis des 181.000sten Spenders in eine Hülle. Erst dann schaute sie auf. „Ja, bitte?“
„Blutspenden“, entgegnete Luis.
„Sind Sie Erstspender?“ Wie oft hatte sie diesen Satz wohl schon gesagt? Auf die Antwort „Nein“ erhielt Luis die Anweisung, einen gelben Bogen auszufüllen, auf dem er wahrheitsgemäß darüber Auskunft geben sollte, ob er in den letzten vier Wochen Heroin genommen hatte, an Schnupfen erkrankt oder der Prostitution nachgegangen war und vieles mehr. Er schaute sich um. Ganz bestimmt hatte noch keiner der wartenden Leute jemals Drogen probiert und ganz sicherlich gaben sie dies auch alle wahrheitsgemäß an. Nach Rückgabe des Bogens stand Luis nun seelisch nackt vor der Schwester und bekam einen blauen Zettel, die Wartemarke, darauf stand 834. „Ich bin also der 834ste Spender für heute“, dachte Luis. Nicht, dass ihn diese unpersönlich große Zahl gestört hätte, schon eher die Tatsache, dass vor ihm noch 34 andere Menschen ihr Blut abgeben wollten. Das bedeutete warten.
Während er saß, überlegte Luis, was wohl passieren würde, wenn man tatsächlich angab, in seinem Leben schon einmal Drogen genommen oder auch nur in den letzten vier Wochen eine Aspirin geschluckt zu haben. Da er die 20 Euro wirklich wollte, unternahm er den Versuch es rauszufinden nicht. „Jetzt nur noch die kurze Untersuchung beim Arzt bestehen, bei der man in den Finger gestochen wird und man dabei völlig relaxt reinschauen muss“, dachte Luis. Und: „Bloß nicht niesen!“ Es war Frühling, Pollenzeit, Luis hatte wie viele Menschen zu dieser Zeit unangenehmsten Heuschnupfen, seinem abgegebenen Bogen zufolge jedoch nicht. Zum Glück hatte er gegen einen Nies- oder Tränenausbruch mittels Heuschnupfenapotheke vorgesorgt. Ob die Heuschnupfenapotheke wohl im Bogen angegeben werden sollte? Hm, ein leichtes Schuldgefühl überkam ihn, dann aber folgte die Selbstberuhigung, „ist ja alles natürlich.“ Aber gleich danach spürte er ein Kribbeln in der Nase, „nein, nicht niesen, nicht niesen“, flehte Luis zu sich selbst. Es beruhigte sich zum Glück wieder. Vom kostenlosen, scheußlich-schmeckendem Gratis-Kaffee, der Spendern zur Verfügung stand, hatte er schon zwei runtergekippt, „noch einer und mein Blut ist wirklich unbrauchbar“, grummelte Luis.
Fast eine Wartestunde war vorbei, „so“, dachte Luis, „jetzt muss ich mich entscheiden zwischen Gehen, kein Blut spenden und keine 20 Euro bekommen oder mein Marathon-Training verpassen“. Luis entschied sich für Marathon-Training-Verpassen. Aber die Uhr und der Besucheranzeiger sagten nichts Gutes: Schon 1 Stunde Wartezeit und noch immerhin 14 Personen vor ihm. „Wow, das wird lange“, überlegte Luis, „um 20 Euro reicher und einen ¾ Liter Blut ärmer zu werden, vielleicht doch Marathon-Training?“ Er fragte die Empfangsschwester, ob er überhaupt noch dran käme, da die Öffnungszeit bald vorbei sein würde. Sie antwortete ihm erstaunlich freundlich, dass alle, die sich angemeldet hatten, drankommen müssen, auch wenn die Mitarbeiter schon Schluss hätten. Oh, schlechtes Gewissen und Diskussionen um Arbeiterschutz kreisten in Luis‘ Kopf. Da passierte es, „oh nein, schon wieder niesen, hatschii!“. Er schaute sich um, niemand guckte, keinen interessierte es. Die einen tauschten intime Gespräche aus, anderen lasen. Luis wollte wirklich gerne gehen, aber er hatte schon so lange gewartet. „Mit dieser Denkweise wartet man natürlich immer noch ein bisschen länger und noch etwas länger, in der Hoffnung, dass sich gleich was tue, und geht erst dann, wenn man es gar nicht mehr aushält“, dachte sich Luis, „aber dann hat man die ganze Zeit umsonst gewartet. Vielleicht noch einen Kaffee? Lieber Kamillentee.“ Resigniert nahm er seinen Tee, setzte sich wieder und wartete.
Freitag, 20. November 2009
Individuen
Gleichzeitig passiert es, dass man die eigene Meinung einfach nicht so rüberbringen kann, wie man gerne würde. Es sind meistens bestimmte Gesprächspartner bei denen dies misslingt. Während man spricht verändert sich ganz automatisch die Tonlage, vielleicht auch die Mimik, und zwar gerade dann, wenn man dabei ist, seine wichtigsten Argumente vorzutragen, um den Gegenüber vom eigenen Standpunkt zu überzeugen. Da hilft nichts, weil man schon während des Redens weiß oder denkt, dass der andere es anders auffassen wird, tritt auch genau dies ein.
Mittwoch, 18. November 2009
Etwas sagen wollen, aber es dann doch nicht tun, weil man schon weiß, wie der andere darauf reagieren wird und die Auseinandersetzung mit der Erwiderung zu mühselig wäre.
Liebeskummer
Sehnsucht nach der bestimmten Charaktereigenschaft eines Menschen, der sich geändert hat oder dessen neue, für uns bisher unbekannten Züge, die alten geliebten überdecken.
Montag, 26. Oktober 2009
Donnerstag, 1. Oktober 2009
Sonntag, 30. August 2009
Mittwoch, 26. August 2009
Hirngespinst
Montag, 24. August 2009
Oh, wie süß!
Mein Gott, ich bin in der "Babys-sind-süß-Phase", schlimme Erkenntnis, aber nicht mehr zu leugnen. Unglaublich, wie diese Kinderaugen einen auf einmal anleuchten. Sonst waren es immer nur Kinder, jetzt sind es plötzlich herzerwärmende Wesen mit wahnsinnig hübschen Gesichtern, zuckersüßem Lächeln und niedlichen kleinen Händchen.
Keine Chance gegen diese Hormonflut.
Sonntag, 23. August 2009
Kommunikation
Heute 3mal dabei gescheitert, mit jemandem ins Gespräch zu kommen, die Großstadt macht (mich)unsozial. Erst zwei spanisch-sprechende Mädels im Ibero, dann ein Mädchen in der Stabi -die hatte sogar schon gelächelt- und schließlich abends bei einem Pärchen mit Hunden, die ich fragen wollte, ob sie ein Tierheim kennen.
Am Ende klappt es dann doch noch- ein junges Paar mit einem 8 Monate altem Baby in der Tram. Über diese Affinität will ich mir mal keine Gedanken machen.
Berlin, Frankfurter Tor, August 09
Montag, 17. August 2009
Großstadtschein
Mittwoch, 12. August 2009
Berlin, S-Bahn
BarPolitik (in Berlin)
Dienstag, 4. August 2009
Abfahrt
Wahnsinn, ist es wirklich notwendig, vor jedem Halt die aussteigenden Leute zu verabschieden und die neu zugestiegenen zu begrüßen, so dass jemand wie ich, der noch viele Haltestellen vor sich hat, mindestens 28 Mal die gleiche Ansage mit verändertem Ortsnamen hören wird? Dazu noch jedes Mal der Hinweis auf das gastronomische Angebot (1. Klasse-Fahrer werden auch am Sitzplatz bedient) an Bord. Der Sprecher der Durchsage empfiehlt ein Fleischkäse-Sandwich und frisch gezapftes Bier.
Ab Frankfurt gibt's das Ganze dann auf Deutsch UND Englisch (mit furchterregendem deutschen Akzent): "We wish you a pleasent journey". Ahh, was für ein Verbrechen!
Mittwoch, 8. Juli 2009
Meine e-mail, meine Welt
Neulich in Polen: Ich sitze am Rechner eines Hostelempfangs, weil ich denke, ich muss um 2 Uhr morgens nach meinem Ausflug ins nächtliche Leben noch unbedingt e-mails abrufen, man weiß ja nie. Da passiert es, ich gehe auf die Seite meines e-mail-accounts, klicke auf die vorgesehene Spalte für den Nutzernamen, gebe ihn ein, klicke auf den Bereich für das Passwort, gebe es ein, Entertaste und fertig. Und was passiert? Nichts. Die Seite lädt und erscheint nach kurzer Zeit wieder im Ausgangsbild. Ich starte einen neuen Versuch, passiert ja hin und wieder, dass man versehentlich einen falschen Buchstaben eingibt. Der Nutzername ist bereits gespeichert und erscheint daher schon komplett sobald ich den Anfangsbuchstaben schreibe, ich überprüfe es, alles richtig, also kann’s ja nur am Passwort liegen. Sorgfältig tippe ich Buchstaben für Buchstaben, um ganz auf Nummer Sicher zu gehen. Ganz korrekt lasse ich nun den Mauspfeil über den Button einloggen positionieren, klick, wieder setzt sich die Seite in Bewegung, ich warte gespannt, Sekunden vergehen, da, schon wieder, anstatt meiner e-mails nur die unbefleckte Seite von google-mail, so als hätte ich niemals einen Versuch unternommen, mich einzuloggen. Noch bin ich ruhig, versuche es wieder. Doch keine Chance, diese Wand auf meinem Bildschirm ignoriert mich einfach, mittlerweile ergreift mich leichte Panik, gehetzt tippe ich nun auch den Nutzernamen neu, dann wieder das Passwort, aber es ist immer das gleiche: Klick, warten, Hoffnung… Nichts. „Arrr!“, ich werde wütend, will schimpfen, will schreien, aber die Rezeptionistin wäre dadurch sicherlich etwas irritiert, also lasse ich es, reiße mich zusammen und probiere es etwa 120 mal aufs Neue. Leider ohne Erfolg, ich bin nun nicht mehr wütend, sondern verzweifelt, was tun? Ich bin mir ganz sicher, dass mein eingegebenes Passwort das Richtige ist, am Morgen, Mittag, Nachmittag und frühen Abend hatte es ja auch noch funktioniert, also weiß ich mir nicht zu helfen. Probiere es jetzt mit der angebotenen Hilfe von google-mail, die mich fragt „Passwort vergessen?“ „Nein!“, denke ich, aber was soll’s, letzte Hoffnung. Während ich über meinen Alkoholpegel als mögliche Misserfolgsursache nachdenke, diesen Gedanken aber gleich verwerfe, da ich nicht viel getrunken habe, fällt mir plötzlich ein: „Oh Gott, während ich zuvor meine e-mails gecheckt habe, stand eine ganze Gruppe Touris hinter mir in diesem engen Rezeptionsaal, da wird doch nicht einer…“ Ich wage den Gedanken gar nicht zu Ende zu denken, die Idee, dass jemand mein Passwort geklaut, es geändert hat und nun in meinem Namen möglicherweise e-mails liest, schreibt, nein, diesen Gedanken ertrage ich nicht. Es ist, als stünde man vor seiner eigenen Haustür und komme nicht rein, obwohl man den passenden Schlüssel hat, obwohl man sich sicher ist, dass man genau hier und nicht woanders wohnt. Es ist schrecklich, in meinem Kopf drehen sich die Gedanken im Kreis, was tun, was tun? Verzweifelt suche ich nach einer SOS-Hotline auf dieser verflixten google-mail Seite, die nichts Preis geben möchte außer der Option sich einzuloggen, nichts zu sehen von einer Seelsorgetelefonnummer, mir bleibt nichts anderes übrig, als mich dem virtuellen Frage-Antwort-Spiel der angebotenen google-Hilfe auszuliefern. Die klingt in etwas so:
„Haben Sie ihr Passwort vergessen?“
„Nein.“
„Haben Sie ihr Passwort nicht vergessen und können trotzdem nicht rein?“
„Genau.“
„Tut sich etwas, nachdem Sie unsere Anweisungen befolgt haben?“
„Leider nicht.“
„Haben Sie eine alternative e-mail Adresse?“
„Jep.“
„Dann schicken wir Ihnen die Anweisungen, die Sie befolgen müssen, um wieder an Ihr Passwort zu kommen, an diese Adresse.“
Schluck, „hab ich überhaupt noch den Zugang zu meiner alten e-mail? Anweisungen befolgen? Ah, ich will nur rein!“
Die alten Zugangsdaten meines letzten e-mail-accounts habe ich zum Glück noch aus dem Gedächtnis gefischt, kann mich einloggen. Das tut gut, wenigstens ein Erfolgserlebnis, dann allerdings gleich die nächste Enttäuschung: keine e-mail mit Anweisungen von google-mail. Ich will heulen. Wage einen Blick zurück auf meinen virtuellen Helfer, der mir schreibt: „Wenn innerhalb der nächsten 18 Stunden keine e-mail eingetroffen ist, melden Sie sich wieder hier.“ 18 Stunden, eine Ewigkeit, wie soll ich ruhig schlafen können, spinnen die? Da mir aber nichts anderes übrig bleibt und die Hostel-Rezeptionistin auch keinen Rat weiß, gehe ich niedergeschlagen auf mein Zimmer.
Dort erzählt mir meine Bettnachbarin, dass das polnische Netz manchmal Probleme mache. Ein kleiner Stein fällt mir vom Herzen, das polnische Netz, „ja, ja, denke ich, das wird’s sein“. Schließlich hatte ich keine Fehlermeldung bezüglich des Passworts, sondern einfach überhaupt keine Reaktion.
Es gelang mir einzuschlafen und am nächsten Tag funktionierte zu meiner übergroßen Freude und Beruhigung tatsächlich alles wie gewohnt. Was für eine Wiedersehensfreude! Das polnische Netz also, es hatte mir einen riesigen Schrecken eingejagt und mich denken lassen, jemand säße nun an meiner Stelle an meinen e-mails. Klar, andere Leute haben ja auch sonst keine Interessen, wenn sie im Urlaub sind und meine e-mails sind ja auch so ungeheuer wichtig.
Wie wichtig sie für mich sind, habe ich an diesem Abend bzw. Morgen jedenfalls gemerkt. Ich fühlte mich ausgesperrt und hintergangen, aus dem eigenen Leben verbannt, der Identität beraubt. So ein e-mail account hat heutzutage schon eine beachtliche Bedeutung: 5 mal am Tag wird er von vielen abgerufen, nicht mehr wie mit der guten alten Post, die ein oder höchstens zweimal täglich eintraf und wo man sich dann auch über einen Brief oder eine Postkarte freute wie ein Kind über Weihnachten. Dabei erreichen einen mittlerweile so viele unnötigen e-mails, auch genannt spam oder man bekommt Informationsfluten aus zahlreichen Verteilern. Hat man einen Tag keine e-mails abgerufen, ist der Berg an zu bereitstehender Post fast gar nicht mehr zu bewältigen und man hat Angst, etwas wichtiges zu übersehen, daher wird doch lieber mehrmals am Tag nachgeschaut, ob etwas angekommen ist. Außerdem gibt es einem das Gefühl – besonders morgens – schon etwas gearbeitet, eine Erledigung weniger zu haben, immerhin hat man danach eine ganze Menge Müll beseitigt, ist fast wie Hausputz. Dazu kommt natürlich der Effekt der Vorfreude und Freude, falls dann tatsächlich mal neben dem Spam-Berg auch ein persönlicher Brief respektive e-mail dabei ist. In ganz schweren Zeiten der Einsamkeit helfen auch die unwichtigen e-mails und sogar automatische Erinnerungen, die –vorausgesetzt man ist bereit, sich auf den Selbstbetrug einzulassen– suggerieren: „Jemand denkt an mich.“
Befindet man allerdings gerade an einem Ort, an dem es nicht möglich ist, im Stundentakt das Internet zu besuchen – soll ja vorkommen – stelle ich beruhigt fest, dass es sich ziemlich gut anfühlt, mal einen oder vielleicht sogar zwei ganze Tage keinen Zugang zu seinen e-mails zu haben, die Sorge, eine wichtige Nachricht zu verpassen, nimmt mit der Zeit kontinuierlich ab, man denkt nicht mehr ständig an seinen Posteingang, sondern beschäftigt sich mit den Dingen um einen herum, schöne Landschaften oder neue Menschen, und es ist fast so wie in den guten alten Zeiten, als man auch erstaunlicherweise auch ohne Internet und elektronische Post gut leben konnte.
Montag, 29. Juni 2009
Welchen Raum braucht das Denken?
Alle für die menschlichen Bedürfnisse notwendigen Einrichtungen: Toiletten, Wasser, Lebensmittel müssen in unmittelbarer Nähe sein. Die Möglichkeit zum Kommunizieren mit anderen Personen muss vorhanden sein, sei es durch das Treffen von in ähnlicher Weise Beschäftigten z.B. zu einem gemeinsamen Essen, oder über Telefonate sowie über das Internet (e-mail). Mag sein, dass bei Frauen und Männern das Kommunikationsbedürfnis unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Völlige Isolation ist jedoch in keinem Fall förderlich, das Denken muss kommuniziert werden, um es zu verfestigen und zu strukturieren. Feedbacks sind wichtig. Es sollte die Möglichkeit bestehen, den Raum zu jeder Tages- und Nachtzeit zu nutzen.
Mittwoch, 17. Juni 2009
Donnerstag, 28. Mai 2009
Arbeiten in der Gastronomie

Scheiße ist der Job, weil arbeiten in einer Bar bedeutet, ―anders als beim Arbeiten in einer Diskothek, wo man meistens nach dem Abend sein Geld kassiert, nach Hause geht und den Rest der Woche nichts mehr mit dem Laden und den Leuten zu tun hat― dass man nicht nur einen Job macht und sich um die reinen Verkaufs- und Zubereitungstätigkeit kümmert. Man ist gleichzeitig noch mit den persönlichen Angelegenheiten des Personals, also denen seiner Kollegen beschäftigt. In keinem anderen Job wird so offenkundig geflirtet und gelästert. Streitereien untereinander werden ausgetragen, die familiären Probleme mischen sich stets ins Arbeitsleben mit hinein. Wenn das Lokal Stammgäste hat, ist es noch schlimmer, die persönlichen Angelegenheiten des Personals werden zu den persönlichen Angelegenheiten der Gäste und somit auch kommentiert und bewertet, und umgekehrt. Gleichzeitig bleibt im Stress eigentlich nie Zeit für ein richtiges Gespräch, dafür findet umso mehr oberflächlicher Small-Talk statt.
Weiterhin ist die Beachtung, die man als Frau von den meist männlichen Gästen erhält, keine würdevolle, sondern eher eine degradierende, die sich mit dem Fakt paart, dass man als Kellner nicht selten Menschen bedient, deren Würde sich weit unter der Erdoberfläche befindet. Die Arbeit an sich ist auch nicht besonders erquickend: Schwere körperliche Arbeit, zum Teil sehr monoton, das Ganze sehr schnell unter Stress bei lauter Musik, gegebenenfalls in blauem Dunst bis tief in die Nacht bzw. in den Morgen. Ohne Schließzeiten hat man da ganz schön die Arschkarte, als 18-, 19-jähriger Teenie lässt sich so eine durchgemachte Nacht noch gut wegstecken, später reichen die Augenringe bis zum Boden und es erfordert entweder jahrelange Übung oder zähe Disziplin für den nächsten Tag. Nicht nur körperlich, sondern auch geistig zehrt der Job, nicht, weil man mit komplizierten Dingen beschäftigt wäre, sondern eben gerade weil nicht. Und weil man sich mit sympathischen ebenso wie unsympathischen Gästen rumschlagen muss, dabei trotzdem immer möglichst nett und höflich bleiben sollte, gehört gespielte Höflichkeit zur Tages- oder Nachtordnung und die ist auf Dauer ganz schlecht für die Psyche. Weil man kluge und nichtkluge Sprüche, freundliche und unfreundliche Kommentare von den Leuten hört, die man bedient, im Schlimmsten Fall auch von denen, mit denen man arbeitet. Viele Leute, die bedient werden und dafür Geld ausgeben gelangen automatisch zu der Meinung, sie seinen dem Bedienenden überlegen und sehen in ihm nicht selten ihr persönliches Spielzeug, dem sie sich sowohl geistig als auch körperlich ungefragt nähern dürfen und über den sie zu jeder Zeit verfügen können. Was manch unnetten Kollegen angeht: In einem Gefängnis ist jeder lieber Wärter als Mitgefangener oder wer von mehreren Seiten getreten wird, tritt lieber vorsichtshalber schon den nächsten, lieber ficken, als gefickt werden, Platzhirsche und Ellenbogen sind erlaubt.
Das mit der Kellner-Romantik ist passé. Zwar arbeiten heute immer oder mehr noch als früher arbeitslose Künstler und Akademiker in der Gastronomie, seit harter, penetranter Harz-4 Debatten und dem unermüdlichen Ruf nach Krise, ist an Bohème-Gefühl dabei jedoch nicht mehr zu denken. Bar-Arbeit ist ein harter Job. Irgendwann ist Schluss damit.
Sonntag, 24. Mai 2009
Ordnung muss sein
Ich bin weder super ordentlich noch habe ich einen Putzfimmel, ich halte meine Dinge gerade so, dass ich stets einen halbwegs guten Überblick darüber habe oder dass ein solcher wenigstens schnell herzustellen ist. Wenn ich jedoch mit jemandem zusammenwohne, der weniger ordentlich bis ziemlich chaotisch ist, gerate ich in Unruhe, denn meine eigene kleine Ordnungswelt läuft nun Gefahr, von größeren Mächten eingenommen zu werden, sprich ich fürchte, den Überblick zu verlieren. Die Konsequenz dessen sieht so aus, dass ich fortan nicht nur bei meinen eigenen Sachen ein viel stärkeres Maß an Ordnung an den Tag lege, sondern auch bei den des anderen. Die Angst, das fremde Chaos könnte auf meine gerade so überschaubare Welt überschwappen und diese somit für mich verwischen, ist zu groß.
Dies hat leider den Nachteil, dass man schnell zum Daueraufräumer des Chaosverursachers wird, da die eigene Toleranzgrenze neunmal niedriger ist, als die des anderen. Außerdem gewinnt die Sache schnell den Charakter einer Sisyphos-Arbeit, denn der/die Chaotische lernt ja durch die bereitgestellte Ordnung nicht etwa, seine Dinge selbst besser zu verwalten, sondern verfährt im Gegenteil weiter bis bisher, merkt gar nicht, dass jemand aufräumt, wird eventuell sogar nachlässiger und hält es für einen natürlichen Zustand, dass die Dinge auf wundersame Weise stets wieder in ordentlich aufzufinden sind.
Kritisch wird dieser Fall in WGs, wo man meistens nicht nur einen, sondern gleich mehrere Mitbewohner hat, für deren Ordnung zu sorgen ist. Aber auch in Beziehungen wirkt sich diese Service-Manie sehr fatal aus, zumal man als Frau ohnehin dazu neigt, für den Liebsten automatisch mit aufzuräumen und nach einiger Zeit routinemäßig die Socken des anderen wäscht. In regelmäßigen Zeitabständen platzt der Kragen und man hält eine große anmahnende Rede über die Unordnung des anderen und beschwert sich darüber, immer dem anderen hinter herräumen und dazu noch alleine putzen zu müssen. Dies endet dann meistens in Besserungsbeteuerungen seitens des Getadelten und ist spätestens am zweiten Tag wieder in Vergessenheit geraten. Nicht dass man als Aufräumer daraus lernen würde, nein, man macht seltsamerweise weiter wie bisher: Aufräumen für den anderen –dient auch gerne als Entschuldigung, weshalb man selbst zu nichts kommt– und hin und wieder böses theatralisches Auflehnen und Schimpfen.
So bleibt man ein eingespieltes Team; es scheint, als erweise sich das sonst so oft sinnlos verwendete Sprichwort hier als sehr zutreffend: Gegensätze ziehen sich an.