Freitag, 22. Januar 2010

Aufschieben

„Der bedeutende Unterschied besteht nicht zwischen Leuten, die gut schreiben und denen, die schlecht schreiben, sondern zwischen denen die schreiben und denen, die nicht schreiben“, sagt mein Vater und ich finde, er hat Recht. Sei es nun die lang ersehnte Abschlussarbeit im Studium oder andere Aufgaben, die man sich vorgenommen hat, das Nicht-Erledigen von Dingen scheint ein weit verbreitetes Phänomen zu sein, dies beweist schon allein die Häufigkeit der oft in studentischen Zeitschriften erscheinenden Artikel mit Titeln wie „Endlich Losschreiben“ oder „Gegen das ewige Aufschieben“. Einen Vortrag über genau dieses Aufschieben habe ich einmal an der Uni gehört, darin hieß es, dass manche Leute den Kick, die Angst, den Stress bräuchten, um eine Aufgabe bewältigen zu können. Andere dagegen schieben ihr ganzes Leben lang Dinge auf (und erledigen ihr Zeug nie) womit wir wieder bei meinem Vater wären: Manche haben brilliante Ideen, setzen diese aber nie um. Schade, sehr schade. Laut Vortrag gibt es aber noch einen gewissen Prozentsatz an Menschen, die es tatsächlich schaffen, alles bei Zeiten zu erledigen. Respekt. Der Redner, übrigens ein Psychologe, beendete seinen Vortrag über das Aufschieben mit dem Rat, sich auch zu entschließen, eine Sache nicht zu tun, anstatt Jahre lang an dem Glauben festzuhalten – und sich damit zu quälen – , sie irgendwann doch noch zu erledigen.
Eine ganz andere Sichtweise auf das gleiche Thema fand sich in einem von einer Frau geschriebenen Artikel. Diese pries alle Vorzüge des „Alles-auf-den-letzten-Drücker-Erledigens“ – sie gehörte offenbar zur Kategorie eins, der Kickbedürftigen – und empfand die so genannten Vermeidungsstrategien, normalerweise gängige Nebenprodukte des Aufschiebens wie putzen, essen oder waschen, als äußerst nützlich. Die Autorin beschrieb tagebuchartig, wie sie die Arbeit an einem Buch immer länger hinauszögerte, dafür aber zuletzt in einem Ruck seitenweise Text produzierte, als die Abgabefrist bereits fast erreicht war. Rechtzeitig fertig wurde sie nicht, konnte aber ihre Deadline um einige Tage nach hinten verschieben, schrieb zu Ende und berichtete dann stolz, was sie während ihrer Aufschiebezeit noch so alles erledigt hatte – z.B. das Schreiben eines weiteren Buches. Für Leute, die während des Aufschiebens putzen, hatte sie jedoch nichts übrig.
Mein persönliches Ablenkungsmanöver besteht im Essen. Das Ergebnis ist ein voller Bauch, ein paar Kilo mehr nach kurzer Zeit und auch noch ein schlechtes Gewissen wegen nicht getaner Arbeit. Auch nicht gut, aber wenigstens habe ich einen Text geschrieben.

Mittwoch, 13. Januar 2010

Bilanz

Nach dreimonatigem Wiedereinleben im guten alten Saarland bei vorausgegangenen 7 Jahren Abwesenheit, 5 davon in Berlin, habe ich gelernt:

Es gibt auch Behörden ohne 3,5 Stunden Wartezeit, wo man direkt drankommt und sogar freundlich behandelt wird.

Ruhe und Stille sind keine überholten Konzepte aus einer längst vergangenen Zeit.

Hier kann man nicht nur zuschauen, was andere für tolle Dinge tun, man darf auch mitmachen.

Ich kenne meine Nachbarin. Und das ist auch gut so!

Nicht alle psychisch sonderbaren Menschen sind außergewöhnlich, interessant oder Künstler.

Ähnlich: Nicht alle Leute, die nicht arbeiten, sind kritische alternative Systemverweigerer.

Es ist leicht, Leute kennenzulernen, wenn man will, und man trifft sie sogar wieder.

Autofahren.

Man ist das Produkt seiner Eltern.

Sozialsein tut gar nicht weh.

Saarlännisch.

Spanische Grammatik.

Auch Saarbrücken hat Theater, sogar viele und gar nicht so schlechte.

Vielleicht kann man die Leichtigkeit des Seins ertragen lernen.