Donnerstag, 28. Mai 2009

Arbeiten in der Gastronomie


Der typische Studentenjob schlechthin ist und bleibt: Das Kellnern. Es ist immer irgendwie cool und irgendwie scheiße. Cool, weil, man ist in einer Disse oder Bar, Orte, die man selbst gerne frequentiert und die schwer angesagt sind. Man erhält sofort Kontakt zu den Mitarbeitern, hat das Gefühl, zusammen Party zu machen und dabei im Mittelpunkt zu stehen. Man wird viel beachtet, fühlt sich wichtig. Vor dem Arbeiten gibt es ein Ritual des Sich-Schick-Machens, Kleidung wird ausgesucht, dazu die passenden Accesoires und das passende Make-Up. Wenn es in fast jedem Beruf wichtig ist, gut auszusehen, so in diesem Beruf besonders, nur dass man hier in Party-Klamotten erscheinen darf. Man stolziert auf und ab wie auf einer Modenschau, erntet augenweise Komplimente und viel Lächeln unter den Gästen. Man lernt schnell Leute kennen und ist immer am Kommunizieren, das ist die soziale Seite.
Scheiße ist der Job, weil arbeiten in einer Bar bedeutet,­ ­­―anders als beim Arbeiten in einer Diskothek, wo man meistens nach dem Abend sein Geld kassiert, nach Hause geht und den Rest der Woche nichts mehr mit dem Laden und den Leuten zu tun hat― dass man nicht nur einen Job macht und sich um die reinen Verkaufs- und Zubereitungstätigkeit kümmert. Man ist gleichzeitig noch mit den persönlichen Angelegenheiten des Personals, also denen seiner Kollegen beschäftigt. In keinem anderen Job wird so offenkundig geflirtet und gelästert. Streitereien untereinander werden ausgetragen, die familiären Probleme mischen sich stets ins Arbeitsleben mit hinein. Wenn das Lokal Stammgäste hat, ist es noch schlimmer, die persönlichen Angelegenheiten des Personals werden zu den persönlichen Angelegenheiten der Gäste und somit auch kommentiert und bewertet, und umgekehrt. Gleichzeitig bleibt im Stress eigentlich nie Zeit für ein richtiges Gespräch, dafür findet umso mehr oberflächlicher Small-Talk statt.
Weiterhin ist die Beachtung, die man als Frau von den meist männlichen Gästen erhält, keine würdevolle, sondern eher eine degradierende, die sich mit dem Fakt paart, dass man als Kellner nicht selten Menschen bedient, deren Würde sich weit unter der Erdoberfläche befindet. Die Arbeit an sich ist auch nicht besonders erquickend: Schwere körperliche Arbeit, zum Teil sehr monoton, das Ganze sehr schnell unter Stress bei lauter Musik, gegebenenfalls in blauem Dunst bis tief in die Nacht bzw. in den Morgen. Ohne Schließzeiten hat man da ganz schön die Arschkarte, als 18-, 19-jähriger Teenie lässt sich so eine durchgemachte Nacht noch gut wegstecken, später reichen die Augenringe bis zum Boden und es erfordert entweder jahrelange Übung oder zähe Disziplin für den nächsten Tag. Nicht nur körperlich, sondern auch geistig zehrt der Job, nicht, weil man mit komplizierten Dingen beschäftigt wäre, sondern eben gerade weil nicht. Und weil man sich mit sympathischen ebenso wie unsympathischen Gästen rumschlagen muss, dabei trotzdem immer möglichst nett und höflich bleiben sollte, gehört gespielte Höflichkeit zur Tages- oder Nachtordnung und die ist auf Dauer ganz schlecht für die Psyche. Weil man kluge und nichtkluge Sprüche, freundliche und unfreundliche Kommentare von den Leuten hört, die man bedient, im Schlimmsten Fall auch von denen, mit denen man arbeitet. Viele Leute, die bedient werden und dafür Geld ausgeben gelangen automatisch zu der Meinung, sie seinen dem Bedienenden überlegen und sehen in ihm nicht selten ihr persönliches Spielzeug, dem sie sich sowohl geistig als auch körperlich ungefragt nähern dürfen und über den sie zu jeder Zeit verfügen können. Was manch unnetten Kollegen angeht: In einem Gefängnis ist jeder lieber Wärter als Mitgefangener oder wer von mehreren Seiten getreten wird, tritt lieber vorsichtshalber schon den nächsten, lieber ficken, als gefickt werden, Platzhirsche und Ellenbogen sind erlaubt.
Das mit der Kellner-Romantik ist passé. Zwar arbeiten heute immer oder mehr noch als früher arbeitslose Künstler und Akademiker in der Gastronomie, seit harter, penetranter Harz-4 Debatten und dem unermüdlichen Ruf nach Krise, ist an Bohème-Gefühl dabei jedoch nicht mehr zu denken. Bar-Arbeit ist ein harter Job. Irgendwann ist Schluss damit.

Sonntag, 24. Mai 2009

Ordnung muss sein

Ich bin weder super ordentlich noch habe ich einen Putzfimmel, ich halte meine Dinge gerade so, dass ich stets einen halbwegs guten Überblick darüber habe oder dass ein solcher wenigstens schnell herzustellen ist. Wenn ich jedoch mit jemandem zusammenwohne, der weniger ordentlich bis ziemlich chaotisch ist, gerate ich in Unruhe, denn meine eigene kleine Ordnungswelt läuft nun Gefahr, von größeren Mächten eingenommen zu werden, sprich ich fürchte, den Überblick zu verlieren. Die Konsequenz dessen sieht so aus, dass ich fortan nicht nur bei meinen eigenen Sachen ein viel stärkeres Maß an Ordnung an den Tag lege, sondern auch bei den des anderen. Die Angst, das fremde Chaos könnte auf meine gerade so überschaubare Welt überschwappen und diese somit für mich verwischen, ist zu groß.
Dies hat leider den Nachteil, dass man schnell zum Daueraufräumer des Chaosverursachers wird, da die eigene Toleranzgrenze neunmal niedriger ist, als die des anderen. Außerdem gewinnt die Sache schnell den Charakter einer Sisyphos-Arbeit, denn der/die Chaotische lernt ja durch die bereitgestellte Ordnung nicht etwa, seine Dinge selbst besser zu verwalten, sondern verfährt im Gegenteil weiter bis bisher, merkt gar nicht, dass jemand aufräumt, wird eventuell sogar nachlässiger und hält es für einen natürlichen Zustand, dass die Dinge auf wundersame Weise stets wieder in ordentlich aufzufinden sind.
Kritisch wird dieser Fall in WGs, wo man meistens nicht nur einen, sondern gleich mehrere Mitbewohner hat, für deren Ordnung zu sorgen ist. Aber auch in Beziehungen wirkt sich diese Service-Manie sehr fatal aus, zumal man als Frau ohnehin dazu neigt, für den Liebsten automatisch mit aufzuräumen und nach einiger Zeit routinemäßig die Socken des anderen wäscht. In regelmäßigen Zeitabständen platzt der Kragen und man hält eine große anmahnende Rede über die Unordnung des anderen und beschwert sich darüber, immer dem anderen hinter herräumen und dazu noch alleine putzen zu müssen. Dies endet dann meistens in Besserungsbeteuerungen seitens des Getadelten und ist spätestens am zweiten Tag wieder in Vergessenheit geraten. Nicht dass man als Aufräumer daraus lernen würde, nein, man macht seltsamerweise weiter wie bisher: Aufräumen für den anderen –dient auch gerne als Entschuldigung, weshalb man selbst zu nichts kommt– und hin und wieder böses theatralisches Auflehnen und Schimpfen.
So bleibt man ein eingespieltes Team; es scheint, als erweise sich das sonst so oft sinnlos verwendete Sprichwort hier als sehr zutreffend: Gegensätze ziehen sich an.