Montag, 10. Mai 2010

Der unglückliche Mann

Es war einmal ein Mann, schon über fünfzig Jahre alt, der lebte mit seiner Frau und seinen Kindern auf einem Dorf. Obwohl er alles hatte, was er brauchte -eine Frau, ein schönes Haus, Kinder und genug zu Essen- beschwerte er sich immerzu über sein Leben: "Mein Leben ist so schlecht, es ödet mich an. Ich hätte etwas viel besseres verdient, als in einem Häuschen auf dem Land zu leben." Immer wieder und wieder trug er seiner Familie und jedem, der den Mann nach seinem Wohlbefinden fragte, seine Klage vor. Seine Frau konnte es schon nicht mehr hören und seine Kinder vermieden so gut es ging längere Gespräche mit ihm. Eines Tages, als der unglückliche Mann wiedereinmal durch das Dorf lief und seine Unzufriedenheit über sein Schicksal vor sich hin brummte, erschien vor ihm plötzlich ein kleiner alter Mann. Der fragte ihn: "Warum jammerst du so? Mann kann es schon aus dem Nachbardorf hören. Was ist dir denn Schlimmes zugestoßen?" Da antwortete der unglückliche Mann etwas erstaunt, denn er hatte den Alten nie zuvor gesehen: "Mein Leben ist so schrecklich unnütz. Ich lebe in einem langweiligen Dorf und bin nur ein einfacher Bauer. Ich habe ein besseres Leben verdient." Der kleine Mann überlegte, dann sagte er: "Aber du hast doch alles, was du zum Leben brauchst: eine nette Frau, Kinder, ein Haus, und genug zu Essen für dich und deine Familie." 
"Ja", antwortete der unzufriedene Mann, "aber das ist doch nichts besonderes, andere haben viel größere Häuser und sind angesehener als ich."
"Nun gut", entgegnete der Alte, "ich will dir drei Nüsse schenken, mit denen hast du jeweils einen Wunsch frei." Er übergab dem Unzufriedenen die Nüsse und so plötzlich wie er aufgetaucht war, verschwand er auch wieder. Der unzufriedene Mann stand noch einen Moment ungläubig da, dann aber überkam ihn die Freude und er lief schnell nach Hause zu seiner Frau, um ihr von dem unglaublichen Ereignis zu erzählen. Als die Frau davon hörte, wurde sie ganz aufgeregt und wollte sich sogleich etwas wünschen. Sie schmiegte sich an ihren Mann und sprach ganz zärtlich zu ihm: "Mein wundervoller Mann, ich bin doch deine liebe Frau und war immer an deiner Seite, gib mir eine dieser Nüsse, ich möchte mir so gerne etwas wünschen." Da wurde der Mann weich und gab ihr eine Nuss. Die Frau ergriff die Nuss sogleich fest und wünschte sich ganz laut: "Mein Wunsch soll in Erfüllung gehen, ich möchte die schönste Frau im ganzen Land sein." Kaum hatte sie es ausgesprochen, verwandelte sie sich in die schönste Frau, die man in diesem Land je gesehen hatte. Der sonst unzufriedene Mann war zuerst etwas skeptisch, da er seine Frau nicht wiedererkannte, doch schon bald sprach sie zu ihm mit vertrauter Stimme und er ließ sich von ihrer Schönheit verzaubern. Ihre Ehe wurde so leidenschaftlich, wie sie es nie zuvor gewesen war. 
Doch schon bald hörte der König, dass es in diesem Dorf eine Frau gab, die schöner sein sollte, als alle anderen Frauen des Landes. "Ich will diese Frau haben!", sagte er und befahl daraufhin seinen Rittern, sie zu ihm bringen. So kam es, dass die schöne Frau des mittlerweile sehr zufriedenen Mannes unter dem Geschrei und Gezappel der Frau und unter dem Flehen des Mannes, entführt und in den Palast des Königs gebracht wurde. 
Da weinte der Mann sehr in seinem verlassenen Haus und wurde nun noch unglücklicher als zuvor. Er verfluchte die Frau um ihre Eitelkeit. Doch schon bald fiel ihm ein, dass er noch zwei Nüsse übrig hatte, mit denen er sich etwas wünschen konnte. Also nahm er eine Nuss, hielt sie fest in einer Hand und sagte: "Ich wünsche mir fünf Säcke mit Gold, damit ich dem König meine Frau abkaufen kann." Kaum hatte er den Wunsch ausgesprochen, standen vor seinen Füßen fünf schwere Säcke mit Gold. Damit zog er nun zum König. Nach drei anstrengenden Tagen Fußmarsch erreichte er den Palast. Dort stellte sich der Mann vor die Tore und rief so laut er konnte: "König, gib mir meine Frau zurück, ich biete dir dafür fünf Säcke mit Gold!" Der König hörte den Ruf und da er Gold noch mehr schätzte als die Schönheit von Frauen, stimmte er dem Tausch zu. Überglücklich nahm der Mann seine Frau in die Arme, diese freute sich ebenfalls sehr, ihn wiederzusehen und gemeinsam machten sie sich auf den dreitägigen Marsch zurück ins Dorf. 
Zu Hause angekommen, ging der Mann sofort zur Schublade, in der er die letzte Nuss versteckt hatte, nahm sie und sprach zur Frau: "So, das ist der letzte Wunsch, den wir haben. Ich wünsche ich mir, dass du wieder genauso so bist wie früher."

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen